Sherlock Holmes im Film – Teil 1: Mr. Holmes (2015)


Ein Viktorianer im 21. Jahrhundert


Sherlock Holmes erfreut sich offenbar nicht nur bei den Ermittlern unserer Detektei in Kiel ungebrochener Beliebtheit, denn der Meisterdetektiv flimmert aktuell so häufig über Kinoleinwände und Fernseher wie selten zuvor. Sowohl Filme wie die High-Budget-Blockbuster von Regisseur Guy Ritchie mit Robert Downey jr. in der Hauptrolle als auch Fernsehserien wie Sherlock von der BBC oder Elementary aus dem Hause CBS spielen Millionen ein – an den Kinokassen, über Werbemaßnahmen und im Merchandising. Im Laufe unserer neuen Reihe „Sherlock Holmes im Film“werden wir detaillierter auf alle drei Adaptionen zu sprechen kommen.

Holmes ist eine derart ikonische Figur, dass man den Überblick verliert über die unzähligen Geschichten, die im Laufe der Jahrzehnte geschrieben und verfilmt wurden und ihn entweder als Hauptfigur haben oder als Nebenfigur auftreten lassen. Je nach Genre trifft er dabei auf reale Figuren seiner Zeit oder auf „Kollegen“ aus der viktorianischen Literatur. Die Phantasie der Autoren scheint unbegrenzt: Sowohl echte Kriminalfälle, wie die Jack-the-Ripper-Morde, als auch Fälle, die Figuren und Szenarien anderer Autoren wie H. G. Wells (die Invasion der Marsianer in Krieg der Welten) oder Bram Stoker (Dracula) zum Thema haben, bilden den Hintergrund für mehr oder weniger originelle Geschichten. So sehr ist seine Figur mit der Epoche des viktorianischen Englands verbunden, dass oft unterschlagen wird, wie viele der originalen Sherlock-Holmes-Geschichten aus der Feder seines Schöpfers Arthur Conan Doyle erst nach dem Ende dieses Zeitalters entstanden. Als Queen Victoria im Jahr 1901 starb, schien Doyle sogar genug zu haben von seinem Helden, denn er hatte ihn acht Jahre zuvor in der Kurzgeschichte Das letzte Problem (The Final Problem) sterben lassen. Der Großteil der Geschichten indes – nämlich zwei von vier Romanen und drei von fünf Kurzgeschichtensammlungen – sollte erst noch folgen, wie in unserer Reihe „Der Privatdetektiv in der Literatur“ Teil 5 und 6 nachzulesen ist.


Mr. Holmes: humorvolles Aufräumen mit Sherlock-Klischees


Den Umstand, dass ein großer Teil der Lebenszeit des fiktiven Detektivs erst nach dem Viktorianischen Zeitalter stattgefunden haben dürfte, greift auch der jüngste Ansatz von Regisseur Bill Condon auf, und daher nähern wir uns dem Thema heute einmal umgekehrt chronologisch: In Mr. Holmes, einem Kinofilm aus dem Jahr 2015, basierend auf Mitch Cullins A Slight Trick of the Mind, ist Sherlock Holmes der Überlebende einer längst vergangenen Epoche. Watson, Mrs. Hudson, sein Bruder Mycroft – alle sind längst verstorben; Holmes selbst hat sich vor über 30 Jahren aufs Land zurückgezogen und züchtet Bienen (ein Motiv mehrerer Romane aus Holmes-Pastiches, u. a. auch in denen von Henry Fitzgerald Heard).

Ein schöner Kniff ist die bewusste Haltung des Films zur Klischeefigur Sherlock Holmes: Im Film ist Holmes zwar eine sehr populäre reale Figur, die allgemeinen Vorstellungen über den Meisterdetektiv stammen jedoch gänzlich aus der Feder des ebenfalls realen John Watson – und nicht etwa von Doyle – als Verfasser der bekannten Abenteuer von Sherlock Holmes. Die Deerstalker-Mütze und das Cape? Habe er, so Holmes, in Wahrheit nie getragen! Die Pfeife? Er präferiere Zigarren! Selbst die Adresse sei geflunkert: Holmes machte sich zu seiner Londoner Zeit einen Spaß daraus zu beobachten, wie Schaulustige („amerikanische Touristen“, wie Holmes lakonisch feststellt) die Baker Street 221b heimsuchen – und zwar aus dem Fenster seiner wahren Wohnung, schräg gegenüber. Der Detektiv kommentiert die Erzählungen um seine angeblichen Taten folgendermaßen: „Ich habe Watson gesagt, falls ich je eine Geschichte schreibe, dann nur zur Korrektur der Millionen falschen Vorstellungen, die seine poetische Freiheit geschaffen hat.“ Ein Highlight auch, wie er später, in den 1940er Jahren, im Kino schmunzelnd eine fiktionalisierte Filmversion eines echten Falles sieht, mit einem „klassischen“ Holmes inklusive Deerstalker, Cape und Pfeife – eine augenzwinkernde Hommage an die erfolgreiche Filmserie mit Basil Rathbone, auf die unsere Kieler Detektive in der Reihe „Sherlock Holmes im Film“ selbstverständlich ebenfalls zu sprechen kommen werden.


Die Vermenschlichung eines übermenschlichen Geistes


Die Rahmenhandlung von Mr. Holmes spielt im Jahr 1947. Somit wird Holmes Zeuge des gerade angebrochenen Atomzeitalters – eine Tatsache, auf die der Film in mehreren Szenen deutlich anspielt. Den gebrechlichen Holmes sucht sein allerletzter Fall heim: Von Senilität geplagt, versucht er sich an die Vorfälle zurückzuerinnern, die ihn 35 Jahre vorher dazu bewogen hatten, das Detektiv-Geschäft und sein Leben in London aufzugeben, um sich aufs Land zurückzuziehen. So weit, so gut, doch das wirklich Originelle liegt im Fehlen dessen, was doch stets die Sherlock-Holmes-Geschichten definiert hat: das handlungsbestimmende Rätsel um einen Kriminalfall. Wer ist der Mörder, was war sein Motiv? All das spielt hier keine Rolle. Tatsächlich gibt es für den größten aller Detektive kein Rätsel zu lösen, außer dem wirklich letzten: Wer ist Sherlock Holmes, wenn er das verliert, was ihn ausmacht? In einer bewegenden Szene zieht er ein Resümee, dass er zwar sein Leben lang allein gewesen sei, doch als Ausgleich immer seinen Intellekt hatte – genau den droht er jetzt, in hohem Alter, endgültig zu verlieren. Was aber macht das mit einem Mann, dessen gesamtes Ego durch seinen Scharfsinn definiert wird? Holmes ist plötzlich eine verletzliche Person, ein von Sorgen geplagter Mensch statt einer Denkmaschine, die alles Unwesentliche ausblenden kann. Vielleicht zum ersten Mal wird sein Herz angesprochen (unter anderem auch durch den wissensbegierigen Sohn seiner Haushälterin) – und das bringt ihn aus dem Gleichgewicht.

Das Mysterium des Films ist daher kein Mord oder ein anderer Kriminalfall, sondern Holmes selbst. Viele Facetten kennen die Leser und Zuschauer von Sherlock Holmes, aber diese hier ist neu: Als Meister der Logik und Deduktion hatte man den Privatdetektiv bisher als zwar brillanten, dafür aber doch sehr unnahbaren, ja fast schon kalten Charakter kennen gelernt, oder (wie es Benedict Cumberbatch in der Verkörperung des titelgebenden Charakters in der großartigen Serie Sherlock ausdrückt) gar als „hochgradig funktionierenden Soziopathen“. Nähe, gar Intimität zu unserem Meisterdetektiv kam in den allermeisten Geschichten nicht auf – das macht Mr. Holmes so originell. Ian McKellen, selbst eine Ikone und gewohnt, solche zu spielen, agiert gewohnt großartig als strauchelnder alter Zausel, der mit den Geistern der Vergangenheit hadert. Verschachtelt auf drei Zeitebenen erzählt, weiß der Film der Figur des Sherlock Holmes neue und liebenswerte Facetten hinzuzufügen.


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Ian McKellen als 93jähriger Rentner-Sherlock im Kinofilm „Mr. Holmes“, © Miramax 

Neuer Realismus, ungekannte Menschlichkeit


Ist der Film eine Empfehlung wert? Nun, wer sich auf Action à la Guy Ritchie einstellt oder auf spannende Kriminalfälle, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Wer jedoch Lust hat auf einen Film mit ruhigerer Erzählweise, der sich Zeit nimmt, in die Charaktere einzutauchen, sollte Mr. Holmes nicht verpassen – vor allem nicht, wenn er Sherlock-Holmes-Fan ist. Da der Alltag unserer Privatdetektive aus Kiel nicht nur von spannenden Fällen mit dem größten „Thrill“ bestimmt wird, sondern von ganz realen Menschen mit normalen Schicksalen, ist es erfrischend, in Mr. Holmes einen Film zu finden, der sich keines Klischee-Mordfalles bedient, sondern tief in die Psychologie seiner Figuren eintaucht und selbst den größten aller fiktiven Detektive zur Abwechslung einmal sehr menschlich erscheinen lässt.


Verfasser: Gerrit Koehler  

 

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Der Privatdetektiv in der Literatur – Teil 4 | Arthur Conan Doyle und Sherlock Holmes: Durchbruch und Fall


„Bromance“ zwischen Holmes und Watson


Die kargen Jahre der schriftstellerischen Anfänge, die die Detektei Kurtz im vorherigen Teil unserer Reihe „Der Privatdetektiv in der Literatur“ beschrieb, scheinen für Arthur Conan Doyle nun endlich Geschichte, denn als im Juli 1891 nach zwei Romanen die erste Kurzgeschichte über Sherlock Holmes, Ein Skandal in Böhmen, im Strand Magazine erscheint, ist Doyle endlich der wohlverdiente Erfolg vergönnt: Der englische Meisterdetektiv schlägt ein wie eine Bombe! Das Strand Magazine will mehr und ist auch durchaus bereit, sich den Nachschub an Geschichten das ein oder andere Pfund kosten zu lassen. Die folgenden Monate schreibt sich Doyle die Seele aus dem Leib und bringt es nach Ein Skandal in Böhmen auf weitere 11 Kurzgeschichten, deren zentrale Figuren, Holmes und Watson, die vielleicht erste Männerfreundschaft (heute würde man „Bromance“ sagen) der Literaturgeschichte pflegen. Doyles Geschichten erscheinen monatlich in der jeweils neuen Ausgabe des Strand Magazines.

Abgesehen von der Chronologie des Handlungsspielraums variiert er in diesen ersten Kurzgeschichten wenig – und warum auch? Conan Doyle zeigt, dass er seine Protagonisten voll im Griff hat: Das Zusammenspiel zwischen dem loyalen, intelligenten und daher nur scheinbar naiven Watson und dem exzentrischen, genialen Holmes funktioniert perfekt! Der schottische Autor hat spürbar seinen Spaß daran, die beiden miteinander interagieren zu lassen, und der eigentliche Fall gerät darüber nicht selten fast zur Nebensache. Für nicht wenige Leser ist der Holmes dieser frühen Geschichten noch der wahre, unverfälschte Sherlock Holmes, der in den späteren Geschichten etwas von seinen Ecken und Kanten einbüßen wird (man denke nur an seinen in den ersten Geschichten noch unumwundenen Kokainkonsum).


Sammelband für die Heftgeschichten des Strand Magazines


Die beiden Romane A Study in Scarlet (Eine Studie in Scharlachrot) und The Sign of the Four (Das Zeichen der Vier) waren in der Zwischenzeit bereits in Buchform veröffentlicht worden, und dasselbe bietet sich nun, im Spätsommer 1892, natürlich auch für die ersten Kurzgeschichten an, die nunmehr auf zwölf Stück angewachsenen sind. Der Band Die Abenteuer des Sherlock Holmes (The Adventures of Sherlock Holmes) enthält alle zwölf Geschichten in der Originalreihenfolge. Sie verkürzen so die Wartezeit der Leser auf die nächste Neuveröffentlichung – und die von Conan Doyle auf den nächsten Scheck. Denn sich wie beim Erstlingswerk sämtliche Rechte für läppische 25 Pfund abkaufen zu lassen, das sollte dem zum Profi gereiften Autor nicht mehr passieren. Im Oktober 1892 erscheint der Sammelband zeitgleich in Großbritannien und in den USA, denn auch dort hat der berühmte fiktionale Vorfahr unserer Detektive aus Hannover seit langem eine treue Fangemeinde.


Doyle wird seines Detektivs überdrüssig und lässt ihn sterben


Im Dezember 1892 hat das Warten auf Neuigkeiten aus der Feder Arthur Conan Doyles dann endlich ein Ende: Mit Silberstern (Silver Blaze) erscheint eine neue Geschichte über die Ermittlungen des Meisterdetektivs Sherlock Holmes, wie üblich im Strand Magazine, dessen Abonnentenzahl mittlerweile so hoch ist wie nie zuvor. Und auch die neuen Kurzgeschichten wissen zu gefallen: Zum ohnehin enormen schriftstellerischen Können Conan Doyles kommt mehr und mehr Routine hinzu; er kennt seine Helden Holmes und Watson inzwischen bestens und weiß geschickt mit ihnen umzugehen.

Doch wird für Doyle die Arbeit wohl zunehmend eintönig: Versuche zu variieren, beispielsweise durch einen Rückblick in Holmes‘ frühere Jahre ohne Watson in Die ,Gloria Scott‘ (The Gloria Scott), also zuzusagen ein „Holmes Begins“, oder die Einführung neuer Figuren wie Sherlocks Bruder Mycroft in Der griechische Dolmetscher (The Greek Interpreter) verschaffen Doyle nicht die nötige Abwechslung. Auch schleicht sich für ihn mehr und mehr Routine ein: Durch die monatliche Erscheinungsweise und die Arbeit wie am Fließband bleibt dem Autor nur wenig Zeit für Recherche, manche Geschichten und „Lösungen“ wirken bisweilen unglaubwürdig oder nehmen nur einen Stellenwert am Rand der Erzählung ein. Conan Doyle wird seines fiktiven Detektivs mehr und mehr überdrüssig – und entschließt sich zu einem radikalen Schritt: Im Dezember 1893 erscheint mit Das letzte Problem (The Final Problem) die zwölfte Kurzgeschichte der zweiten Reihe, und der Leser wird mit einem Schock zu Weihnachten zurückgelassen – denn am Ende ist Sherlock Holmes tot!


Trauerflor auf Londons Straßen – Holmes‘ Tod verursacht (inter-)nationale Bekümmerung


Die Handlungszeiträume der vorherigen Geschichten variieren bisweilen um mehrere Jahre und springen immer wieder vor und zurück, doch The Final Problem setzt chronologisch am Schluss ein – im April/Mai 1891. Am Ende stürzt Holmes in einem furiosem Zweikampf die tosenden Reichenbach-Fälle hinab, zusammen mit seinem in dieser Geschichte erstmals und unvermittelt auftauchenden Erzfeind Professor Moriarty – wie sollte er das nur überlebt haben? Auf beiden Seiten des Atlantiks geht ein Aufschrei durch die Gesellschaft; man möge sich nur einmal in der heutigen Zeit vorstellen, der neueste Bond-Film würde damit enden, dass James Bond zusammen mit Blofeld in einen Vulkankrater mit glühender Lava stürzt! Doyles Leserschaft auf der ganzen Welt ist aufgebracht und bringt ihre Enttäuschung sogar mit Trauerbändern zum Ausdruck. Das Strand Magazine verliert auf einen Schlag 20.000 Abonnenten. Wer dahinter einen genialen Marketingschachzug vermutet, wird schnell eines Besseren belehrt: Jahre vergehen, ein neues Jahrhundert bricht an, Queen Victoria stirbt – und noch immer kein Lebenszeichen von Sherlock Holmes!

Doyle scheint jegliches Interesse an jener Figur verloren zu haben, die ihn reich und berühmt gemacht hat. Er wendet sich nun mehr seiner Familie und anderen Literaturfeldern zu: historische Romane und Abenteuergeschichten, inspiriert von seiner Zeit auf See. Auch über den Burenkrieg von 1899 bis 1902 in Südafrika schreibt er ein pro-britisches Buch, in dem er für die Kolonialpolitik Großbritanniens Stellung bezieht und das er später als Grund ansieht für seine Ernennung zum Ritter im Jahre 1902.


Sherlock Holmes: Reichenbachfall; Detektei Hannover, Detektiv Hannover, Privatdetektiv Hannover
Der Sturz in den Reichenbachfall, wie ihn Sidney Paget, Illustrator beim Strand Magazine, sah. Am real existierenden Ort in der Schweiz erinnern diverse Gedenktafeln und Statuen an dieses fiktive Ereignis, das der Leserschaft in seiner Zeit real erschien.

Nach 2 Romanen und 24 Kurzgeschichten: Ist der legendäre Detektiv Sherlock Holmes schon am Ende?


Für die zahlreichen Anhänger des Meisterdetektivs Sherlock Holmes waren es also düstere Jahre um die Jahrhundertwende. Allerdings: In The Final Problem ist nie davon die Rede, dass Holmes’ Leiche gefunden wird – und es wäre nicht das erste Mal, dass Sherlock Holmes seinen Gegnern einen Schritt voraus ist! Schließlich wäre der selbsternannte „Consulting Detective“ doch nicht das unnachahmliche Genie und hätte es sicher nie zum Idol und Vorbild von Generationen von Detektiven wie den Ermittlern der Kurtz Detektei Hannovergebracht, hätte er nicht noch ein Ass im Ärmel – mehr dazu in Teil 5 unserer Reihe „Der Privatdetektiv in der Literatur“.